„Hotel stürzt ein, 4 Tote“
19.12.2008
von Achim Menrad
Jetzt (schon wieder) Tote und Verletzte auf einer Baustelle.
Eines ist klar: Spanier bauen mit Sicherheit genauso gut oder genauso
schlecht Gebäude wie die Deutschen. Unterschiedlich ist jedoch
die Bau- und Qualitätskontrolle.
In Alemania gibt es den alleinverantwortlichen Architekten und den
in der Handwerkskammer eingetragenen Bauunternehmer mit Meisterbrief
– und in der Regel eine Baugenehmigung.
Auch in Spanien ist alles eindeutig geregelt, nur hält sich
(meist) kein Mensch daran. Die Baugenehmigung ist eine Sache, der
Baubeginn und die –Durchführung eine andere. Hier spielen
die „Beziehungen“ mancher Architekten eine Rolle, entweder
nach reiner Aussage oder auch tatsächlich.
Ansonsten läuft es im alten Trott: der Architekt plant, bastelt
irgendeine Statik und ist dann der Gesamtverantwortliche der Baustelle.
Dort jedoch für die Überwachung der Vorschriften, Normen
und Regeln der Bautechnik zuständig ist der technische Architekt,
der Aparejador. Man erkennt ihn, falls er überhaupt einmal
vor Ort anzutreffen ist, als die Person mit den best geputzten Schuhen.
Schließlich gibt es dann den Baumeister, den Bauunternehmer,
der eigentlich nur eine „Firma“ angemeldet haben muss
– eine tatsächliche Berufsausbildung und Bauerfahrung
ist nicht so wichtig.
Wohlgemerkt, auch auf Mallorca gibt es sehr wohl Baustellen bei
denen alles ordnungsgemäß läuft und die Baubeteiligten
fachlich ausgebildet ihren Job sehr gut erledigen, die vorgenannte
Schilderung ist jedoch nicht nur die Ausnahme.
Auf vielen Baustellen wird weiterhin stillschweigend unterstellt,
dass es auf Mallorca nicht regnet. Bei Fundamenten gilt die Regel,
Masse statt Klasse. Viel Beton, egal welcher, verdeckt das (teure)
Eisen und dessen richtiges Verlegen laut Plan. Wozu dann eine errechnete
Statik aufgrund eines Bodengutachtens beachten?
Die Gefahr von Unterspülungen und nachträglichen Rissen
finden häufig keine Beachtung, Abdichtungsmaßnahmen gegen
aufsteigende Feuchtigkeit werden trotz klarer Bauregeln nicht ausgeführt.
An einer neuen Baustelle im Nobelvorort Son Vida wurde nacheinander
von 4 neutralen Fachleuten unabhängig von einander das verlegte
Eisen für die Fundamente der Stützmauer einer mehrere
Meter hohen Rampe geprüft und bemängelt. Kurz darauf war
dennoch das Fundament gegossen. Der hinzugerufene bauleitende Architekt
und der verantwortliche Aparejador fanden alles in Ordnung. Auch
ein danach eingeschalteter spanischer „Gutachter“, der
sich freute im Architekten einen alten Bekannten wieder zu treffen,
bestätigte dies. Eine Statik gab es nicht. Man einigte sich
schließlich, „vorsorglich“ Reparaturen an den
allseits für in Ordnung befundenen Fundamenten durchzuführen,
die dann der Bauherr tatsächlich als zusätzliche Baukosten
in Höhe von ca. 20.000 € bezahlte. Es bleibt abzuwarten,
inwieweit die Maßnahmen nach Bezug des Hauses wirken und die
Stützmauer nicht eines Tages in das angrenzende Wohn-Gebäude
abbricht - und es keine weiteren Tote und Verletzte gibt.
Die betroffenen Familien aus Cala Ratjada müssen Weihnachten
ohne Söhne, Ehemänner und Väter verbringen. Es bleibt
zu hoffen, dass der Staatsanwalt richtig ermittelt und die Gerichte
entsprechende Strafen für die Baubeteiligten verhängen.
Vielleicht rüttelt dieser Vorgang auch diejenige viele Gleichgültige
wach, für die bisher Kohle das Wichtigste, Haftung jedoch ein
Fremdwort war.
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